
Wie dem geneigten Leser nicht entgangen sein dürfte ist es nun präzise eine Woche her seit ich meinen Kopf das erste Mal in den réunionesischen Wind gehalten habe. Höchste Zeit also, das Erlebte therapeutisch, also schriftlich zu verarbeiten.
Interessant war schon der Flug hierher, ganze 45 Minuten, aber dafür das erste Mal in einer Turboprop-Maschine (ATR 72-500 für diejenigen, die sich auskennen). Kurz nach der Ankunft wurde mir dann doch schlagartig bewusst, dass besagte 45 Minuten mich in eine komplett andere Welt gebracht haben. La Réunion gehört zu Europa, was wir ja inzwischen alle wissen. Dass es aber hier tatsächlich auch so europäisch zu und her geht, hat selbst mich ein wenig überrascht. Gibt es doch hier funktionierende öffentliche Toiletten, vierspurige Autobahnen die nicht von Eselkarren belagert werden und ein institutionalisiertes öffentliches Busnetz. Wow.
Auf dem Weg von der Bushaltestelle zur Pension lief mir aber dann auch schon der erste Penner laut fluchend hinterher, was mich dann doch wieder afrikanischer denken liess. Obwohl’s die Typen in Paris ja auch gibt. Die Pension heisst voll ausgeschrieben Pension des Sables und ist mein zu Hause noch bis Samstag, dazu aber später. Die Pension ist aber vor allem supidupi cool, denn sie liegt im Stadtzentrum und man lernt hier jeden Abend neue interessante Leute kennen, mit denen man ebenso viel quatschen wie einheimischen Rum vernichten kann.
Heute Abend sass ich zum Beispiel mit Cloé auf dem Balkon und habe mich (notabene auf Französisch) über die Welt im Allgemeinen und über französische Gepflogenheiten im speziellen unterhalten. Und ich habe neue Sprichwörter gelernt, was ich ausserordentlich befriedigend finde. Eines kürt nun den Titel dieses Blog, das andere ist mein Favorit und heisst: „il faut pas chercher midi a 14 heures“. Ganz cool. Cloé ist Französin, also vom Festland, was hier „métro“ genannt wird. In der Pension gibt es eigentlich nur „métros“, was ganz lustig ist, denn wieso sollte man sich als Einwohner einer alten Kolonialmacht, die clevererweise die schönsten Kolonien auch heute noch mit haufenweise Schotter unterstützt, diesen Vorteil nicht zu Nutzen machen? Die meisten „métros“ hier sind übrigens Staatsangestellte, denn anscheinend kann man sich als französischer Staatsangestellter „se faire muter“, sprich also sich versetzen lassen. Und die coolen Typen entscheiden sich eben dann für La Réunion als Destination. Wie man denken kann, sind diese Leute auch so ein bisschen hippig drauf und rauchen extrem viel Cannabis, das macht Sie aber trotzdem sympathisch.Interessanterweis läuft die französische Bürokratie hier trotz kiffender Staatsangestellter auf Hochtouren. Ihr könnt euch nicht vorstellen wie viele Formulare ich schon auszufüllen hatte, die verlangen sogar für ein einfaches Studenten-Busabo geschätzte 178 Formulare und Dokumente. Der Wahnsinn, dafür hat halt jeder securité sociale und kann für die Reduktion der Wohnungsmiete auch noch „kav“ beantragen.
Nebst der administrativen Schwerstarbeit gibt’s aber auch schönes zu erzählen. Ich habe hier schon mit einigen anderen Erasmus-Studenten (wie immer viele Deutsche, aber auch eine Schwedin und eine Welsche) Freundschaft geschlossen. So fest sogar, dass wir die letzten 4 Tage ein Auto gemietet haben und damit ein bisschen die Insel entdeckt haben. Und zu entdecken gibt es einiges. Insbesondere die Natur ist fantastisch, es gibt sehr hohe Berge und Vulkane im inneren der Insel wo man schöne Wanderungen machen kann und unglaublich faszinierende Aussichten geniessen kann. Und wenn ich schon mal wandern gehe und es dazu noch gut finde will dass schon echt was heissen!
Dann waren wir noch in Saint Pierre, eine Stadt weiter südlich auf der Insel. Da Saint Denis (die Haupstadt) eher ein ruhiges bis gar kein Nachtleben hat (liegt anscheinend an den vielen Muslimen in der Innenstadt die nach dem beten ihre Ruhe haben wollen) gehen eben viele Leute zum feiern anderswo hin, eben zum Beispiel nach Saint Pierre. Wir auch, und wir haben gefeiert, soviel sei verraten.Inzwischen ist übrigens auch die Uni losgegangen, weswegen ich ja eigentlich hier bin. Die Uni ist super, Blick aufs Meer, günstiges Essen, schöne Frauen. Ihr seht, das alles animiert mich nicht gerade zum studieren, so habe ich bislang noch keine einzige Vorlesung besucht (habe es mir aber für die nächsten Tage fest vorgenommen…) Hinzu kommt eben dass die hier schon happige Vorlesungszeiten haben und einem immer wieder bürokratische Hürden in den Weg gelegt werden, aber das wird dann schon klappen. Schliesslich ist ja morgen auch noch schönes Wetter in La Réunion (das wär eben das Sprichwort im Titel und gleichzeitig auch ein bisschen Lebenseinstellung).
Und dann habe ich noch ein Platz in einer WG gefunden, allerdings nur für die nächsten zwei Monate. Das ist schon ganz gut so, denn die WG ist etwas ausserhalb (muss mir noch einen fahrbaren Untersatz organisieren) und wird nebst anderen Erasmus-Studenten von zwei Franzosen des open beschriebenen Typs „kiffender Staatsangestellter“ bewohnt. Dementsprechend chaotisch ist dann halt auch Haushalt und Umgebung. Dafür sind die Typen echt locker und man kann vom Haus aus natürlich das Meer sehen.

Das war also der zweitlängste Blogeintrag aller Zeiten. Wer rausfindet, welchen Teil ich unter Rum-Einfluss geschrieben habe und bei welchem ich nüchtern war, dem zahle ich ein Glacé.
Haltet die Ohren steif und bis bald!
Kubi
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