Salama tompoko,
Wie befürchtet und erwartet bin ich also noch einen ausführlichen Reisebericht aus Madagaskar schuldig geblieben. Inzwischen bin ich nämlich schon längers wider retour im zivilisierten Europa (also in La Réunion), im Kopf bin ich aber noch nicht ganz angekommen. Deshalb versuche ich es doch mal wieder mit Schreibtherapie zur Erlebnisverarbeitung.
Wie im letzten Eintrag darauf hingewiesen habe ich mir von Madagaskar ein grosses Abenteuer erwartet. Schliesslich war ich noch nie längere Zeit alleine auf Reisen und schon gar nicht in einem Land wie Madagaskar. Nebst den berühmten Animationsfilmen ist „Mada“ momentan vor allem bekannt für politische Krise und Instabilität und für die ganzen „normalen“ 3. Welt-Land Probleme (Hunger, Naturkatastrophen, Krankheiten).
Mit etwas gemischten Gefühlen landete ich also am 1.März in der Hauptstadt Antananarivo und wurde gleich rührend von mind. 50 Taxifahrern empfangen. Nach harten Preisverhandlungen (ich hatte mich etwas vorbereitet) ging’s Richtung Stadtzentrum, wobei der erste Eindruck von Mada dann doch etwas überraschend war. Überall geteerte Strassen, schöne (wenn auch etwas zerfallene) Häuser und moderne Autos. Der erste Eindruck täuscht ja meistens, und so erkannte ich dann in der Folge relativ schnell, dass sich diese Art von „Luxus“ maximal auf einige Gebiete der Hauptstadt beschränkt. Spätestens nach der ersten Erkundungstour zu Fuss ergab sich ein anderes Bild: Antananarivo ist vor allem ein riesengrosser Markt, alles wird angeboten und alles ist verhandelbar. Daneben wird das Strassenbild gesäumt von den Stadttaxis (ausnahmslos alles uralte 2CV oder 4L) und Bettlern aller Art (schwangere Frauen, Frauen mit Kindern oder Kinder alleine). Als Weisser zu Fuss fällt man dann auch überproportional auf und ist somit bevorzugtes Ziel von allen, die auf irgendeine Art und Weise in den Strassen zu Geld kommen wollen (also ca. 90 % der Bevölkerung). Überraschenderweise gibt es trotz allem kaum Kriminalität. Es wird zwar des Öfteren vor Taschendieben gewarnt, ich habe allerdings nie einen gesehen. Meinem Eindruck nach beschränken sich die Madegassen eher auf Versuche, die Touristen mit überhöhten Preisen abzuzocken. Daran gewöhnt man sich allerdings schnell, denn wie gesagt sind insbesondere in der herrschenden Krisenzeit die Preise mehr als flexibel. Das macht’s dann für einen Touri wie mich sehr angenehm zu leben. Ein paar Preisbeispiele gefällig? Taxifahrt auf Stadtgebiet: 1.50.-, Gutes Essen in anständigem Restaurant: 3.50-, Hotelübernachtung im DZ mit Pool und Klimaanlage: 10.-, Polizei bestechen weil man wieder einmal den Pass zu Hause gelassen hat: 2.50.-
Eh ja, in Antananarivo habe ich’s zwei Tage lang ausgehalten und meine Zeit vor allem mit Stadtwanderungen verbracht. Abends habe ich jeweils mit dem sehr sympathischen Hotelrezeptionisten und seinen Freunden auf der Treppe vor dem Eingang Bier getrunken und bei der Gelegenheit ein bisschen Malgasy gelernt (ein kuriose Sprache, anscheinend am ehsten mit Indonesisch vergleichbar).
Weiter gings dann per Taxi Brousse Richtung Süden. Das Taxi Brousse ist das einzige Verkehrsmittel für Überlandtransporte über grössere Distanzen. Meist ein älterer Mazda Kleinbus (oft mit deutscher oder holländischer Beschriftung drauf, weil von dort importiert), der gut gefüllt, mit Passagieren innen drin und mit Waren auf dem Dach, Distanzen von mehreren hundert Kilometern mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 60 km/h in Angriff nimmt. Die tiefe Geschwindigkeit erklärt sich zum einem mit der Überladung der Fahrzeuge, zum anderen lassen die Strassen meist nichts anderes zu. Denn in Madagaskar sind auch die geteerten „Route National“ bestenfalls Feldwege bei uns. Reisen ist also anstrengend und vor allem zeitintensiv.
In Fianarantsoa (450 km und 9 Taxi-Stunden südlich von Antananarivo) ging es dann am nächsten Morgen mit dem einzigen Passagierzug der Insel hinunter an die Ostküste. Der Zug, natürlich nicht gerade ein ICN oder ein TGV, schlängelt sich in einem Tag durch 17 Dörfer hindurch zur kleinen Stadt Manankara. Die Dörfer wie auch Manankara kamen dann schon eher dem Nahe, was man sich ein bitterarmes afrikanisches Land vorstellt. Es gibt dort, mehr oder weniger, nichts. Keine Supermärkte, meist keine Elektrizität, keine Strassen. Nur einige Holzhütten, einige Kühe und viele Kinder, welche die Zugsreisenden um Geld oder Essen anbetteln. Nebst dieser teils schockierenden Armut (ich sah Kinder, die sich um ein Stück Brot geprügelt haben) war es aber bizarrerweise auch eine kulinarische Erlebnisreise, denn in jedem Dorf versuchen die Bewohner diverse Leckereien an den Mann zu bringen. Da gibt es Flusskrebse, frittierte Bananen, Zebuspiesse und vieles mehr.
Im Zug habe ich auch einen älteren aber coolen Franzosen und eine nervige Deutsche kennen gelernt, mit denen ich dann 3 Tage in Manankara verbracht habe. Eigentlich wollte ich dort eine Flussfahrt auf einer Piroge unternehmen, was leider nicht geklappt hat, da die Regensaison ihrem Namen alle Ehre gemacht hat und es konstant geregnet hat wie aus Kübeln. Stattdessen wurde ich vom Pirogen-Kapitän zu sich nach Hause zum Essen eingeladen, was ein Erlebnis für sich war. Der Typ, nebst Kapitän auch Koch, Sänger und Musiker, wohnt mit seiner Frau und sechs Kindern in einer Holzhütte mit zwei Räumen.
Ich habe meine Reisekumpanen (vor allem wegen der nervigen Deutschen) ziehen lassen und mich dann wieder alleine per Taxi Brousse auf den Weg an die Westküste gemacht, dies vor allem in der Hoffnung auf besseres Wetter. Tatsächlich wurde kurz nach meiner Abreise der Osten von einem starken Zyklon heimgesucht, der fast 50 Tote forderte.
Nach 2 Taxifahrten von je 10 Stunden (davon eine mit Panne der Kupplung, welche dann, Gott weiss wie, mit einem simplen Draht wieder zum funktionieren gebracht wurde), kam ich in Tulear im Sudwesten an. Im zweiten Taxi hatte ich Bekanntschaft mit zwei ebenfalls älteren aber sympathischen und noch sehr aktiven Franzosen gemacht. Die beiden Herren kommen, wie viele pensionierte Franzosen, regelmässig nach Madagaskar und erfreuen sich des guten und günstigen Lebens und der vielen jungen, „unternehmungsfreudigen“ Madegassinnen.
Ich bin dann den zwei Alten ein bisschen nördlich von Tulear nach Mangily gefolgt. Ein kleines Fischerdorf an einem sehr schönen Strand, das sich zu so etwas wie einer Feriendestination entwickelt hat (notabene gibt es aber weder eine geteerte Strasse die dorthin führt, noch Elektrizität). Von den beiden Alten habe ich einiges über Madagaskar, insbesondere über dessen weibliche Bevölkerung gelernt. Denn auch die Frauen haben begriffen, dass die Europäer meist ziemlich Geld in der Tasche haben, und versuchen deshalb, sich mit einem solchen zusammenzutun, wobei Alter oder Aussehen eine untergeordnete Rolle spielen. Das führt dann zur angenehmen Erscheinung, dass man sich mehr oder weniger eine Madegassin aussuchen kann, wenn man denn das will. Allerdings ist das „Spiel“ mit Vorsicht zu geniessen, schliesslich geht es den Damen in den allermeisten Fällen wohl doch eher um Geld als um Liebe (genau weiss man es jedoch nie, die Madegassen können eine sher verschwiegene und mysteriöse Gemeinschaft sein). Jedenfalls nahmen mich die alten mit in die lokale Disco, wo ich das beschriebene Spektakel dann am eigenen Leib erfahren durfte.
In Mangily habe ich auch Pierre kennengelernt. Mit 35 Jahren war er der jüngste Reisende den ich bislang angetroffen hatte, demnach war er auch eher auf meiner Wellenlänge. Wir verstanden uns in der Tat so gut, dass wir den Rest der Reise zusammen verbracht haben.
Nach drei Tagen am Strand gingen wir zurück nach Tulear und wollten am nächsten Tag mit Chauffeur und Mietwagen wieder Richtung Landesmitte und auf diesem Weg einige Parks und Sehenswürdigkeiten besuchen. Statt zu schlafen verbrachten wir jedoch die Nacht wiederum in der lokalen Disko, was die Reise am nächsten Tag etwas zur Tortur gemacht hat.
Dennoch besuchten wir den eindrücklichen Nationalpark von Ishalo, den Zebumarkt von Ambalavao, Weinfarms, Seidenateliers und hatten Gelegenheit, Lemuren und andere Naturwunder Madagaskars zu begutachten. Nach 3 Tagen in Fianarantsoa angekommen erinnerten wir uns an den legendären Abend in Tulear und beschlossen, schnurstracks dorthin zurückzukehren. Es folgten zehn Tage Sonne, Strand, Partys und gutes Essen, notabene in der Begleitung der beiden wunderschönen Madegassinnen, die wir an jenem Abend in der Disco kennengelernt haben.
Gut, natürlich gäbe es auch über diese letzten Tage noch haufenweise zu berichten. Da dies aber bereits jetzt der längste Blog aller Zeiten ist und man ja auch nicht alles ins Internet stellen soll, lass ich das mal lieber. Wens interessiert, der soll mich mal auf ein Bier einladen. Denn ja, bald ist die Rückkehr in die Schweiz angesagt.
Inzwischen ist nämlich mein Bruder und seine Freundin in La Réunion angekommen und wir machen zusammen noch mal eine richtige Inselerkundung. Denn auch für mich gibt es hier noch einiges zu tun, so waren wir bereits zusammen Helikopter fliegen und Mountainbiken und werden die knappe letzte Woche noch die Berge erkunden.
Abflug ist dann am Donnerstag via Mauritius und Dubai, und am Freitag, 23.04.2010 um ca. 13.30 sollten wir in Zürich landen. Falls jemand an diesem Tag nichts vorhat, würde ich ein Apéro im Flughafen vorschlagen.
Eigentlich wollte ich ja auch noch Bilanz ziehen von meinen 8 Monaten im indischen Ozean, aber auch das verschiebe ich gerne auf ein anderes Mal. Ich freue mich auf alle Fälle, bald wieder nach Hause zu kommen.
Bis superbald
Liebe Grüsse
Kubi
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Du alter gauner,
AntwortenLöschenbin gespannt, was du zu berichten hast. Hoffe, die Aschewolke lässt dich landen und du lässt was von dir hören.
Grüße, tobi
bin per Zufall auf diesem Blog gelandet.
AntwortenLöschenSpannend, was andere Leute über Madagaskar schreiben.
Ich war zur selben Zeit für 3 Monate dort.
Mein Eindruck von der Insel ist etwas anders, aber jeder erlebt ein Land mit seinen Leuten anders. Auf meiner Reise war ich fast ausschliesslich mit Madagassen unterwegs, Ihre Kultur und Gastfreundlichkeit hat mich sehr beeindruckt. Falls Du irgendwann wieder nach Mada gehst, die Pirogenfahrt kann ich wärmstens empfehlen, ein Erlebnis für sich. Hatte das Glück ein paar Tage zuvor da zu sein, bevor es regnete, ca. 10 Tage vor dem schrecklichen Sturm...